Willkommen in der Evangelischen Kirchengemeinde Lichterfelde

 

Stolpersteine für Margot und Eugen Epstein

Am Buß- und Bettag (16. November 2016) wurden vor dem Haus Eberswalder Straße 51 in Lichterfelde 2 Gedenksteine durch den Kölner Künstler Gunter Demning verlegt. In Anwesenheit Lichterfelder Bürger, einer Schulklasse der Grundschule Lichterfelde  sowie von Vertretern der Gemeinde und der Kirchengemeinde Schorfheide wurde in einer bewegenden kleinen Feierstunde - geführt durch Pfarrer Haberkorn - der Eheleute Epstein gedacht, die in diesem Haus ihren letzten Wohnsitz hatten und im April 1942 wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nazis in das Warschauer Ghetto deportiert wurden. Mit einem jüdischen Segen, gesprochen von Kindern, die in der Schule am Religionsunterricht teilnehmen und dem Niederlegen von Rosen fand die Veranstaltung ihren würdigen Abschluss.

StolpersteinverlegungStolpersteine

Die Eheleute Margot und Eugen Epstein lebten bis zu ihrer Deportation in Lichterfelde, Eberswalder Straße 51. Nach den damals geltenden „Nürnberger Gesetzen“ der Nazis galten die Eheleute Epstein als Juden. Im April 1942 wurden sie in das Warschauer Ghetto deportiert. Dort wurden sie getrennt. Von Eugen Epstein ist seit dieser Zeit nichts bekannt. Margot Epstein war noch bis Mai 1943 im Lager. Danach gibt es auch von ihr kein Lebenszeichen mehr. Aus der Zeit im Warschauer Ghetto (1942 bis Mai 1943) existieren von ihr mehrere erschütternde Briefe. Über das weitere Schicksal des Ehepaares Epstein ist nichts bekannt. Es wird angenommen, dass sie im Warschauer Ghetto oder einem anderen Lager umgekommen sind.
Seit 1992 stellt der Künstler Gunter Demning aus Beton und Messing gefertigte „Stolpersteine“ her, und verlegt diese vor dem letzten bekannten Wohnhaus der ermordeten bzw. verschollenen Mitbürger in ganz Europa. In den Messingplatten sind die persönlichen Daten, die Deportation und das Schicksal der Personen eingeprägt.
Nach weiteren Recherchen über das Ehepaar Epstein, Einholung von Genehmigungen und entsprechender Öffentlichkeitsarbeit in der Gemeinde wurde von der Kirchengemeinde Lichterfelde an den Künstler ein Antrag zum Verlegen von 2 Stolpersteinen in der Eberswalder Straße 51 gestellt, der inzwischen auch schon positiv beschieden ist. In etwa einem Jahr (Zeitraum Oktober / November 2016) kann die Verlegung der Stolpersteine erfolgen. Wir werden an dieser Stelle weiter über den jeweils aktuellen Stand berichten.

Hochzeitsfoto Epstein

Hochzeitsfoto Margot und Eugen Epstein

Hier eine Kurzbiographie von Eugen Epstein.
Eugen wurde am 15.03.1908 in Berlin Charlottenburg geboren. Seine Mutter, Martha Epstein, war Jüdin. Über den Vater gibt es keine verlässlichen Angaben. Ab dem zweiten Lebensjahr wurde Eugen von den Pflegeeltern August und Helene  Förste aus Werbellin erzogen. Von 1914 bis 1922 besuchte Eugen die Volksschule in Werbellin und schloss diese mit „gut“ ab. Eugen wurde von seinen Pflegeeltern christlich erzogen und unterrichtet. 1922 ließ er sich taufen und erhielt die Konfirmation. Er war nun Glied der evangelischen Kirche. Von 1922 bis 1925 erlernte er den Schlosserberuf bei Gustav Beuster in Lichterfelde. Etwa 1937 ist die Familie Förste von Werbellin nach Lichterfelde, Eberswalder Straße 8 gezogen. In dem Haus wohnt heute noch die Enkelin Margot Behrendt. Frau Behrendt  kann sich noch gut an ihren Onkel Eugen erinnern.
Von 1925 bis 1942 arbeitete Eugen bei der Fa. Hirsch & Kupfer und in der Rohrbiegerei Wegener  in Eberswalde. Am 30.10. 1937 heiratete er die Jüdin Margot Ring aus Stojentin in Pommern. Sie zogen in die Wohnung in der Eberswalder Straße 51.Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Antisemitismus zur Staatsaufgabe. Die Vernichtung der Juden war ein Hauptziel der Regierenden. In dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“  vom 15.09.1935 wurden die Voraussetzungen zur Ausgrenzung jüdischer Bürger geschaffen. Mit der Reichsprogromnacht begann 1938 der öffentliche Terror gegenüber der jüdischen Bevölkerung.  In der Wannseekonferenz  am 20.01.1942 wurde die systematische und fabrikmäßige  Vernichtung aller Juden in Europa beschlossen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden bis zu 6,3 Millionen Juden, vor allem in den Vernichtungslagern ermordet.Eugen Epstein war trotz seines Übertrittes zum Christentum nach jüdischem Verständnis Jude geblieben.  Auch nach den „Rassegesetzen“ des NS-Regimes war Eugen Jude. So standen Eugen und seine Frau bald auf der Liste der „Abwandernden“, wie es lakonisch im Beamtendeutsch für die Deportation hieß. Am 13. April 1942 mussten sie sich im Sammellager der Großen Hamburger Straße in Berlin einfinden. Von dort aus wurden sie in das Warschauer Ghetto deportiert.  Eugen musste auswärts arbeiten und ist nie mehr ins Ghetto zurückgekommen. Seit dieser Zeit gibt es keine Hinweise über den weiteren Verbleib.  Spätere Ermittlungen von seinen Pflegeeltern beim Deutschen Roten Kreuz  blieben ohne Ergebnis.  Eugens Schicksal wurde nie aufgeklärt.
Zur Biographie von Margot Epstein, geb. Ring:
Margot Ring wurde am 18. 11. 1913 in Stoyetin in Pommern geboren. Die Eltern, Alex (mit dem von den Nazis verordneten Beinamen: Israel) Ring und Berta (mit dem von den Nazis verordneten Beinamen: Sara) Ring, geb. Zander, führten in Stoyetin ein Kaufhaus. Sie waren mosaischen Glaubens, d.h. sie waren gläubige Juden. Von 1935 bis 1937 arbeitete Margot in einem Altenheim in Stettin. Am 30.10. 1937 heiratete sie Eugen Epstein aus Lichterfelde. Sie wohnte seit der Hochzeit in der gemeinsamen Wohnung in Lichterfelde, Eberswalder Straße 51. Zu diesem Zeitpunkt herrschten in Deutschland bereits die Nationalsozialisten. Nach den „Nürnberger Rassegesetzen“ vom 15.09.1935 galt Margot Epstein als Jüdin und damit als Bürgerin zweiter Klasse ohne jegliche politischen Rechte. Mit den Beschlüssen der Wannsee- konferenz vom 20.01.1942 wurde die systematische Ausrottung der europäischen Juden eingeleitet. In Folge dessen wurden ca. 6 Millionen Juden in Vernichtungslagern ermordet.
Bereits am 13. April 1942 musste sich das Ehepaar Epstein im Sammellager in der Großen Hamburger Straße in Berlin einfinden. In einem emotionalen und zugleich aufschlussreichen  Brief verabschiedeten sich Eugen und Margot von ihren Pflegeeltern:
"...Ich sass an Deinem Schreibtisch still und stumm, die Tränen rannten mir von den Wangen, jedoch es hilft mir alles nichts, die Stunde nahte und wir müssen uns trennen... Lieber, guter Vater... Du hast sehr viel an uns getan, dafür sind wir Dir immer noch Dank schuldig, aber wir können es Dir leider nicht mehr danken, da unsere Stunde nun geschlagen hat, wo wir uns für immer trennen müssen. Wenn Du diese Zeilen findest, werden wir beide wohl nicht mehr unter den Lebenden zu rechnen sein. So, lieber Vater, sage ich Dir für Deine Güte, die Du für uns beide getan hast, auf diesem Wege meinen recht herzlichen Dank. Ich wollte Dir alles sagen aber es war mir zu schwer zumute. Nun habe ich es hier auf diesen Zettel geschrieben. Sollten wir nicht mehr am Leben sein, so gedenke auch unser in weiter, weiter fremder Erde.
Nun zum Schluss als herzlichen letzten Gruss Deine an Dich denkenden Kinder
Eugen und Margot."
Zunächst wurde das Ehepaar Epstein ins Warschauer Ghetto deportiert und dort getrennt. Von Ihrem Mann Eugen hat Margot danach nie wieder etwas erfahren.
In den folgenden Wochen und Monaten schrieb Frau Epstein mehrere Briefe und Karten an ihren Schwiegervater August Förste, in denen sie das schwere Leben im Ghetto andeutete. Der Schmerz über die Trennung von ihrem Ehemann und die Klagen über die seltene Post, den ständig quälenden Hunger und das Fehlen von Kleidung wurde immer eindringlicher. Die Frauen mussten bei Wind und Wetter bis minus 30 Grad im Freien arbeiten.
Einige Briefausschnitte:
29.01.43
...auf dem Bauplatz zusammengebrochen, so dass mich der Arzt sofort nachhause schickte... Du kannst dir keinen Begriff von diesem allen hier machen und ich darf auch nicht alles schreiben... Also, lebe wohl...
Viele herzliche Grüsse sendet Dir Deine hungernde und frierende Tochter Margot.
03.05.43, letzter Brief aus dem Warschauer Ghetto während der Zeit des dortigen Aufstandes:
Lieber Papa!
Hoffentlich bist Du gesund, von mir kann ich dir nichts Besonderes mitteilen... Hier war wieder grosse Aufregung, nun ich kann Dir leider nicht viel berichten, nur eins kann ich Dir schreiben, das Ghetto brennt schon einige Tage, es ist furchtbar... Ich hätte nie gedacht, dass man um eine Scheibe Brot betteln muss und nachher noch dafür Handküsse geben aus Dankbarkeit, ja, ja, lieber Papa Hunger tut bitter weh... Heute hat man draussen Essen gekocht, es gab Spinat mit Wasser, nun haben wir bis Sonntagmittag nichts zu essen. Am Sonntag wird gearbeitet... Ich bin noch einmal gut davon gekommen und kann dem lieben Gott nicht genug dafür danken, sonst wäre ich heute nicht mehr. Einigen Frauen ist es so ergangen... ich kann darüber nicht schreiben.
Eine Postkarte vom 19.06.43 von Cäcilie Zander aus Theresienstadt lässt vermuten, dass Frau Epstein noch nach Theresienstadt deportiert wurde und dort umkam.
(Anmerkung: Die Auszüge aus den in Sütterlinschrift erhalten gebliebenen Briefe haben wir sprachlich etwas angeglichen.)
K-H Masuhr

 

 

 

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